Gartensiesta, fliegende Landkarten und Kältekünstlerin

Ein Jahr lang stehen sie im Mittelpunkt des Interesses – mit dem Ziel, dass sie auch darüber hinaus besser geschützt werden: das Tier, der Baum oder der Vogel des Jahres. Aber wussten Sie, dass die Liste der sogenannten ‚Jahreswesen‘ noch viel länger ist? Sogar die Mikrobe des Jahres findet sich da.  

Schläfriger Zorro

Bis auf -1 Grad kühlt der Gartenschläfer, das Tier des Jahres 2023, während seines sechsmonatigen Winterschlafes ab. Aber auch sonst macht er seinem Namen alle Ehre: Tagsüber hält er ausgiebig Siesta und wird erst nachts aktiv. Das faustgroße Tierchen mit den lustigen Ohren und der Zorro-Maske gehört zur selben Familie wie der Siebenschläfer, der Baumschläfer und die Haselmaus. War er früher noch weit verbreitet, gehört er heute zu den stark bedrohten Tierarten und ist hierzulande nur noch im Harz, im Schwarzwald und in Bayern zu finden. Vor allem Hauskatzen, Rattengift oder offene Regentonnen werden ihm zum Verhängnis. In wärmeren Gefilden, z.B. in Spanien, lässt er zwar den Winterschlaf aus, dafür verabschiedet er sich bei Hitze schon mal zu einem mehrtätigen Nickerchen.

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Ein Clown mit erstaunlichen Fähigkeiten

Der Vogel des Jahres ist das Braunkehlchen, nicht zu verwechseln mit seinem Fast-Namensbruder, dem Rotkehlchen. Seinen Spitznamen »Wiesenclown« verdankt er einem weißen Strich über den Augen. Davon abgesehen ist seine Erscheinung eher unauffällig. Droht Gefahr von einem Greifvogel, erstarrt ein Braunkehlchen zur sogenannten »Pfahlstellung«, um sich möglichst unsichtbar zu machen. Als Langstreckenzieher legt es zudem Tausende von Kilometern zurück, um südlich der Sahara zu überwintern. Hierzulande wurden brütende Exemplare zwar schon mal auf dem Tempelhofer Feld in Berlin gesichtet. Am liebsten sind dem Braunkehlchen jedoch blütenreiche Wiesen oder Brachen, die allerdings immer seltener vorkommen.

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Anpassungsfähig und vielseitig

Eine wahre Überlebenskünstlerin wurde zum Baum des Jahres gekürt: die Moor-Birke. Eigentlich mag sie es sonnig, aber auch an eisige -40 Grad kann sie sich gewöhnen. Und genauso trotzt sie Überschwemmungen oder starkem Wind. Entsprechend findet man die Moor-Birke an vielen Orten, von Süd-Grönland über das eher nördliche Europa bis nach Sibirien. Hierzulande ist sie in Moor- und Bruchwäldern, aber auch in Sumpf- und Auenwäldern sowie im Gebirge bis hin zur Baumgrenze zu finden. Die Blätter der Moor-Birke wirken salz- und wasserausscheidend und werden darum bei Harnwegs- und Nierenbeschwerden, gegen Gicht und Rheuma eingesetzt. Aber auch Haarwasser wird daraus gewonnen und soll gegen Schuppen und Haarausfall nützlich sein. Zudem wird das aus der Rinde gewonnene Birkenpech, das schon in der Steinzeit als Kleber verwendet wurde, heute neu entdeckt.

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Stellvertretend für alle Wildblumen

Mit ihren blauvioletten Blüten steht die Kleine Braunelle auf dem Speiseplan von Bienen, Schmetterlingen und Hummeln weit oben. Die Blume des Jahres ist auch eigentlich ziemlich widerstandsfähig, in den letzten Jahrzehnten verschwindet sie aber wie viele andere Wildblumen immer mehr aus dem Landschaftsbild. Grund dafür sind die intensive Bewirtschaftung von landwirtschaftlichen Wiesenflächen, Gärten und Parkanalagen. Wird zu oft gemäht, kann die Kleine Braunelle nicht mehr nachwachsen. Zudem schaden Gift- und Stickstoffe den Wildblumen.

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Geschwister könnten nicht unterschiedlicher sein

Eine kleine Besonderheit ist das Landkärtchen (ja, das heißt wirklich so), das zum Insekt des Jahres 2023 auserkoren wurde. Diese Schmetterlingsart kommt nämlich jedes Jahr in zwei Generationen vor, einmal im Frühling und einmal im Sommer – aber die beiden sehen sich so gar nicht ähnlich. Die im Frühjahr geschlüpften Exemplare sind orange mit braunen Flecken. Ihre Sommer-Geschwister aber sind ganz dunkel mit einer Art weißem Band und einem dünneren gelblich-orangen Strich. Namensgebend waren allerdings nicht die Flügelober-, sondern die Unterseiten. Landkärtchen kommen in Teilen Europas, aber auch in Asien vor. Wer einen eigenen Garten hat, lässt am besten an halbschattigen Standorten Brennnesseln stehen. Dort halten sich die Raupen gerne auf, und auch die Puppen können ungestört ihren Entwicklungsprozess durchlaufen.

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Und dann wären noch die Unbekannten…

Die Tiere, Vögel, Bäume etc. des Jahres werden jeweils von verschiedenen Organisationen ausgewählt, oft mittels Publikumsabstimmung. Während einige Tiere und Pflanzen regelmäßig ins öffentliche Interesse gelangen, gehen andere Gekürte etwas unter. Beispielsweise gibt es auch (in Klammern die jeweiligen Gewinner/innen 2023):

  • den Lurch des Jahres (Kleiner Wasserfrosch)
  • die Libelle des Jahres (Alpen-Smaragdlibelle)
  • die Spinne des Jahres (Ammendornfinger)
  • das Höhlentier des Jahres (Feuersalamander)
  • die Stadtpflanze des Jahres (Vierblättriges Nagelkraut)
  • den Pilz des Jahres (Sumpf-Haubenpilz)
  • das Moos des Jahres (Geneigtes Spiralzahnmos)
  • den Einzeller des Jahres (Grünes Gallertkugeltierchen)
  • die Mikrobe des Jahres (Bacillus subtilis)

Die gesamte Liste der Auserwählten mit den für die Wahl zuständigen Organisationen findet sich auf der Webseite des Naturschutzbundes NABU.

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Bettina Bichsel bloggt für das Eisenmoorbad rund um Lesenswürdiges, Medizinisches, Gesundes und Kneipp-Spezifisches. 

(Foto: Jörg Siemers, www.naturgucker.de)

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